AM ANFANG STAND EIN AUFTRAG
- Thomas Gamsjaeger-Allain
- 30. Nov. 2022
- 6 Min. Lesezeit
Wieso nachhaltiges Handeln zutiefst eine christliche Kernaufgabe ist, .....
… soll dieser Beitrag näher beleuchten. Dabei ist ein vertiefter Blick in das zentrale Orientierungswerk des Christentums unvermeidlich. Die Bibel selbst spricht die Verantwortung des Menschen gegenüber Gottes Schöpfung mit großer Klarheit an – allerdings nicht in der Sprache des modernen Umweltdiskurses. Zugleich ist die christliche Tradition im Umgang mit der Frage nach der Verantwortung gegenüber der Schöpfung und ihren Geschöpfen nicht frei von Irritationen und fehlleitenden Interpretationen.

„Gemeinhin widmet sich die Theologie den Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu Gott und zum Nächsten. Hier wird die Trias um die Beziehung zur Schöpfung ergänzt“, schreibt Christiane Florin im Vorwort zur zweiten Enzyklika des – wie er sich selbst nennt – Bischofs von Rom.[1] Papst Franziskus war jedoch keineswegs der erste kirchliche Akteur, der eine „grüne“ Lesart der Heiligen Schrift entwickelte. Zwar entstanden die biblischen Texte lange vor der heutigen ökologischen Krise, dennoch sind sie durchzogen von Aufträgen an den Menschen, Verantwortung für die göttliche Schöpfung zu übernehmen.
Schöpfungserzählungen: Ursache ökologischen Versagens?
Es wäre vermessen zu behaupten, die Auslegung biblischer Schöpfungstexte sei frei von Fehlentwicklungen geblieben. Gerade in der lateinischen Westkirche kam es zu Interpretationen, die problematische Konsequenzen hatten. Der Mediävist Lynn White formulierte dies pointiert, als er feststellte, die Schöpfungserzählungen seien so gelesen worden, dass „alles Geschaffene allein zum Nutzen und für das Wohlergehen des Menschen da sei, weil er allein Gottes Ebenbild sei“.[2]
Diese Kritik hat in den vergangenen Jahrzehnten an Aktualität gewonnen – nicht zuletzt aufgrund des wachsenden kirchlichen Engagements im Umwelt- und Klimaschutz. In diesem Kontext zeigt sich zunehmend eine bemerkenswerte kirchliche Selbstkritik.
Selbstkritik als Wendepunkt
So hält die Abschlusserklärung der ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung (Basel, 1989) selbstkritisch fest, versagt zu haben, weil „wir nicht Zeugnis abgelegt haben von Gottes sorgender Liebe für all und jedes Geschöpf und weil wir keinen Lebensstil entwickelt haben, der unserem Selbstverständnis als Teil von Gottes Schöpfung entspricht“.[3]
Weiter heißt es, man habe versagt, weil man politische und wirtschaftliche Systeme nicht entschieden genug in Frage gestellt habe, „die die natürlichen Ressourcen der Welt nur zum eigenen Nutzen ausbeuten und Armut und Marginalisierung verewigen“. Die Verantwortung der Christinnen und Christen für die Schöpfung wurde und wird insbesondere in westlich geprägten Kirchen kontrovers diskutiert. Die Impulse des konziliaren Prozesses, die Erklärungen von Seoul (1990) und die daraus formulierten Grundüberzeugungen fanden schließlich Eingang in das Grundsatzdokument der Charta Oecumenica, unterzeichnet 2001 in Straßburg.
Die sozialökologische Kehrtwende
Eine der zwölf Selbstverpflichtungen der Charta widmet sich explizit der Bewahrung der Schöpfung. Aus der Einsicht, dass die Güter der Erde rücksichtslos und ohne Blick auf zukünftige Generationen ausgebeutet wurden, erwuchs der Wille, sich gemeinsam für nachhaltige Lebensbedingungen für die gesamte Schöpfung einzusetzen. Man verpflichtete sich, nachhaltige Lebensstile weiterzuentwickeln und kirchliche Umweltinitiativen aktiv zu unterstützen.
Die Charta Oecumenica besitzt keinen lehramtlichen oder kirchenrechtlich verbindlichen Charakter und entfaltet daher nur begrenzte Bindungswirkung. Anders verhält es sich mit der sogenannten Umweltenzyklika Laudato si’. Mit ihr veröffentlichte Papst Franziskus 2015 einen Rundbrief mit päpstlicher Lehrautorität, der zentrale Fäden des konziliaren Prozesses wieder aufnimmt und der Kirche einen starken ökologischen Impuls verleiht. Die Frage der christlichen Schöpfungsverantwortung wird darin erstmals systematisch im Horizont einer ganzheitlichen Ökologie entfaltet.
Ownership als biblisches Urgesetz?
Papst Franziskus erinnert in seinem Aufruf zum Schutz des Planeten daran, dass „wir selbst Erde sind“ (vgl. Gen 2,7): Unser Körper besteht aus denselben Elementen wie der Planet, den wir bewohnen. Die zweite Schöpfungserzählung wird noch konkreter, wenn sie festhält: „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2,15).[4]
Daraus ergibt sich unmissverständlich ein zentraler Auftrag: Die Erde zu hüten ist kein beiläufiges Gebot, sondern ein fundamentaler Ur-Auftrag der Heiligen Schrift. Und doch fristet dieser Bewahrungsauftrag in der christlichen Ethik oft ein Schattendasein – wird unbewusst verdrängt oder mitunter sogar bewusst relativiert.
Bewahren oder Herrschen?
Heute steht diesem biblischen Bewahrungsgebot eine nie dagewesene ökologische Dringlichkeit gegenüber. Selbst überzeugte Verfechter industriellen Fortschritts erkennen zunehmend, dass sich die Erde und ihre Bewohner in einer tiefgreifenden Krise befinden. Bemerkenswert ist, dass Skepsis gegenüber dem Bewahrungsauftrag gerade auch aus christlich geprägten Strömungen kommt. Dort wird der Mensch als Krönung der Schöpfung verstanden, dem – neben Gott – vorrangig Achtung und Schutz gebühre. Häufig beruft man sich dabei auf den sogenannten Herrschaftsauftrag aus Gen 1, allerdings in einer verkürzten und aus dem Gesamtzusammenhang gelösten Lesart.
Eine verantwortliche Interpretation muss jedoch die gesamte Urgeschichte (Gen 1–9) in den Blick nehmen. Sie kulminiert in der Bundesschließung Gottes mit dem Menschen und allen lebendigen Wesen (Gen 9).[5] Hier vollzieht sich eine entscheidende ethische Weichenstellung.
Fehlinterpretationen des Herrschaftsauftrags
Eine vertiefte Exegese des Herrschaftsauftrags erfordert zudem die Auseinandersetzung mit den hebräischen Begriffen radah und kabash. Ihre missverständliche oder einseitige Übersetzung bildet eine zentrale Wurzel problematischer Deutungen.[6]
Bezieht man zusätzlich die Gottebenbildlichkeit des Menschen sowie seine Erdverbundenheit (Adam = Erdling) ein, ergibt sich konsequenterweise keine Legitimation zur Ausbeutung, sondern eine Berufung zur Verantwortung – treffend beschrieben als ein „Gärtnerauftrag“: pflegen und hüten.
Jesus Christus als Maßstab verantwortlicher Herrschaft
Selbst wenn biblische Argumentationen abstrakt erscheinen mögen, bleibt eine ethische Kernfrage: Wie kann die Würde des Menschen – der sogenannten Schöpfungskrone – bewahrt werden, wenn durch rücksichtslosen Umgang mit natürlichen Ressourcen die eigenen Lebensgrundlagen zerstört werden?
Eine unkritische Lesart des Herrschaftsauftrags bleibt zudem die Antwort schuldig, welche Verantwortung der Mensch gegenüber den übrigen Geschöpfen trägt, obwohl Gen 1,26 ihn als Stellvertreter Gottes auf Erden versteht.[7] Walter Gross beschreibt die Gottebenbildlichkeit daher als „tätige Verantwortung des königlichen Menschen als Sachwalter Gottes für die gesamte Schöpfung in der Kraft des göttlichen Segens“.[8]
Jesus Christus selbst wird so zum Maßstab eines gottgefälligen Herrschaftsverständnisses. Sein Leben und Wirken verkörpern eine Form von Autorität, die dient, schützt und Leben ermöglicht – eine Haltung, deren Faszination bis heute ungebrochen ist.
Ökologische Tugenden
Christinnen und Christen bekennen ihren Glauben an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Daraus erwächst eine immense Verantwortung. Gott überträgt dem Menschen die Pflege und Bewahrung seiner Schöpfung. Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die Zerstörung von Lebensräumen, das Artensterben und die Vermüllung des Planeten stehen in eklatantem Widerspruch zu diesem Auftrag.
Die Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte markiert eine Bewegung weg von einer Menschheit unter Gottes Segen hin zu einer Menschheit, die selbst zum Risikofaktor für das Geschaffene geworden ist – den Menschen eingeschlossen. Papst Franziskus betont daher, dass es aller Talente und des Engagements aller bedarf, um den durch menschlichen Missbrauch angerichteten Schaden zu heilen (LS 14).
Eins-Sein mit Schöpfer und Schöpfung
Der Aufruf von Papst Franziskus richtet sich nicht nur an Christinnen und Christen. Ihm können alle folgen, die eine Verbundenheit mit diesem Planeten verspüren. Nachhaltig zu leben bedeutet, die klassischen Kardinaltugenden neu zu entdecken: Klugheit, um das Anvertraute zu bewahren; Gerechtigkeit als Maßstab für ein Verhalten, das allen Geschöpfen gerecht wird; Tapferkeit, um notwendige Veränderungen mutig anzugehen; und Mäßigung als Einsicht, dass bewusster Verzicht nicht Verlust, sondern neue Fülle bedeuten kann.
Im christlichen Kontext treten Glaube, Hoffnung und Liebe hinzu: der Glaube an Gott als Schöpfer, die Hoffnung auf Wandlung zum Guten und die Liebe zu allem Geschaffenen.
Die Leere führt zur Fülle
Jesus von Nazareth lebte diese Haltung vor. Ein Leben entlang dieser Tugenden führt nicht – wie oft befürchtet – in eine freudlose Askese, sondern in eine neue Fülle und zu innerem Frieden. Es bedeutet keinen Rückschritt, sondern einen Bewusstseinssprung. Es entmachtet den Menschen nicht, sondern führt ihn in ein Leben im Einklang mit der Schöpfung.
Die Welt verändern – Schritt für Schritt
Dieser innere Friede wirkt nach außen. Papst Franziskus bringt es auf den Punkt: „Der innere Friede der Menschen hat viel zu tun mit der Pflege der Ökologie und mit dem Gemeinwohl“.[9] Ein authentisch gelebter innerer Friede zeigt sich in einem ausgewogenen Lebensstil.
Jeder Mensch kann – und muss – seinen Beitrag leisten, um kommenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Auch der Weg in eine bessere Zukunft beginnt mit dem ersten Schritt. Nimm dir viel vor. Aber nimm dir nicht zu viel auf einmal vor. Beginne dort, wo Veränderung leichtfällt. Gerade darin liegt trotz aller Dringlichkeit eine befreiende Hoffnung.
Quellen:
[1] Papst Franziskus: Laudato si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2015.[2] Rosenberger Michael: Eingebunden in den Beutel des Lebens. Christliche Schöpfungsethik. Aschendorf Verlag. Münster. 2021. S. 58 f[3] Europäische Ökumenische Versammlung: In: Rosenberger Michael: Eingebunden in den Beutel des Lebens. Christliche Schöpfungsethik. Aschendorf Verlag. Münster. 2021. S. 59[4] Papst Franziskus: Laudato si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2015, S. 68.[5] Vgl. Rosenberger Michael: Eingebunden in den Beutel des Lebens. Christliche Schöpfungsethik. Aschendorf Verlag. Münster. 2021. S. 64 ff[6] Vgl. Vogt, Markus: Christliche Umweltethik. Grundlage und zentrale Herausforderungen. S. 192, 2021[7] Vgl. Vogt, Markus: Christliche Umweltethik. Grundlage und zentrale Herausforderungen. S. 194, 2021[8] Gross Walter: Gottebenbildlichkeit. I. Altes Testament. In: Lexikon für Theologie und Kirche 4. S. 871 – 873. [9] Ebenda, S. 184.


Kommentare