STIRB NICHT
- Thomas Gamsjaeger-Allain
- 5. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Jan.
Bryan Johnson, Papst Leo XIV. und die spirituelle Krise des technologischen Zeitalters
Was passiert, wenn ein Tech-Unternehmer eine Religion gründet – und ihr einziges Gebot lautet: Stirb nicht?
Was zunächst wie eine schrille Randnotiz aus dem Silicon Valley wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Symptom einer tiefgreifenden kulturellen und spirituellen Krise. Denn erstmals wird der Tod nicht mehr als Schicksal, Grenze oder Geheimnis verstanden, sondern als technisches Problem, das es zu lösen gilt.
Und genau hier setzt der Konflikt an: zwischen einer neuen, technologisch geprägten Heilslehre – und einer jahrtausendealten spirituellen Tradition, die dem Tod eine völlig andere Bedeutung zuschreibt.

Ein neuer Glaube aus dem Silicon Valley
Der US-amerikanische Unternehmer und Biohacker Bryan Johnson ist kein Außenseiter. Als ehemaliger CEO eines Zahlungsunternehmens, Multimillionär und medial präsente Figur investiert er seit Jahren enorme Mittel in Programme zur Umkehr biologischer Alterungsprozesse. Sein Alltag ist minutiös durchgetaktet: nahezu jeder physiologische Parameter wird gemessen, Ernährung, Schlaf und Bewegung werden weitgehend von Algorithmen gesteuert.
Bekannt wurde Johnson unter anderem durch ein Experiment, bei dem er Blutplasma mit seinem jugendlichen Sohn austauschte, um mögliche Verjüngungseffekte zu erzielen. Öffentlich propagiert er den Slogan „Don’t Die“ – über Vorträge, Merchandising und eine Netflix-Dokumentation. Inzwischen geht er einen entscheidenden Schritt weiter: Johnson gründet eine „Don’t Die“-Religion.
Seine Begründung wirkt bemerkenswert nüchtern. Angesichts rasanter Fortschritte in Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie, so Johnson, müsse die Menschheit neu definieren, was es heiße, Mensch zu sein. Lifestyle-Trends reichten dafür nicht aus. Religionen hingegen hätten sich über Jahrtausende als das wirksamste Mittel erwiesen, menschliches Verhalten zu organisieren und langfristige Ziele zu verankern.
Die entstehende Bewegung übernimmt bewusst religiöse Formen: Lokale Gruppen treffen sich regelmäßig, es gibt ritualisierte Praktiken – etwa das symbolische Entschuldigen beim eigenen Körper für gesundheitsschädliche Entscheidungen, eine säkularisierte Beichte. Im ideologischen Zentrum steht die Überzeugung, der menschliche Körper sei heilig und müsse um jeden Preis erhalten werden. Physische Existenz wird zum höchsten Wert.
Johnson macht keinen Hehl daraus, dass sein Ziel physische Unsterblichkeit ist. Für breite Aufmerksamkeit sorgte eine Äußerung aus dem Jahr 2023, in der er erklärte, Jesus Christus habe in 2.000 Jahren keinen Beweis für die Überwindung des Todes geliefert – während er selbst in zwei Jahren mehr erreicht habe.
Was hier sichtbar wird, ist mehr als Exzentrik. Es ist der Versuch, dem Tod seinen metaphysischen Schrecken zu nehmen, indem man ihn vollständig funktionalisiert.
Die Antwort des Papstes
Während große Teile der Öffentlichkeit Johnsons Projekt als kurioses Phänomen der Startup-Kultur abtun, reagierte Papst Leo XIV. ungewöhnlich deutlich. In einer Generalaudienz auf dem Petersplatz wandte er sich gegen anthropologische Visionen, die durch Wissenschaft eine „immanente Unsterblichkeit“ versprechen.
Ohne Johnson namentlich zu erwähnen, kritisierte der Papst den Versuch, den Tod technologisch zu überwinden, als tiefgreifenden spirituellen Irrtum. Der Wunsch nach Unsterblichkeit beruhe, so der Papst, auf der Weigerung, menschliche Grenzen anzuerkennen. Der Tod sei kein Fluch, sondern der Übergang zum eigentlichen Leben.
Nur Christus habe den Tod überwunden – nicht technisch, sondern durch Auferstehung.
Diese Intervention reiht sich ein in eine breitere Auseinandersetzung zwischen Teilen der Tech-Elite und der katholischen Kirche, etwa bei Fragen der ethischen Begrenzung von KI. Doch im Fall Bryan Johnsons geht es um mehr als Regulierung. Es geht um das Menschenbild selbst.
Zwei Welten, zwei Bedeutungen von „Tod überwinden“
Oberflächlich betrachtet sprechen Bryan Johnson und Papst Leo XIV. über denselben Begriff – den Tod. Tatsächlich aber meinen sie radikal Verschiedenes.
Johnson versteht Tod funktional: als Ausfall eines biologischen Systems. Ihn zu überwinden bedeutet, den Organismus möglichst unbegrenzt funktionsfähig zu halten. Zeit wird hier zum Maßstab des Sinns: mehr Leben heißt mehr Dauer.
Das Christentum versteht Tod ontologisch: als Grenze der Identifikation mit dem rein Physischen. Ihn zu überwinden bedeutet nicht, ihn zu vermeiden, sondern ihn zu durchschreiten. Sinn entsteht hier nicht durch Verlängerung, sondern durch Transformation.
Nach integraler Lesart ließe sich sagen: Johnson versucht, den Tod horizontal zu umgehen – mehr Zeit auf derselben Ebene des Daseins. Die christliche Tradition denkt vertikal – als Übergang auf eine andere Seinsebene.
Kurz gesagt: Johnson will mehr Zeit. Die christliche Tradition fragt nach mehr Tiefe.
Fortschritt ohne Integration
Aus integraler Perspektive verkörpert Bryan Johnson eine hochentwickelte, aber einseitige Ausprägung moderner Rationalität. Wissenschaft, Messbarkeit, Optimierung und Kontrolle bilden das Fundament seines Weltbildes. Der Körper erscheint als System, das stabilisiert und vor dem Zerfall bewahrt werden muss.
In diesem Rahmen ist es konsequent, Religion als Organisationsform zu übernehmen. Doch es handelt sich um eine Religion ohne Transzendenz: Rituale ohne Geheimnis, Heiligkeit ohne Hingabe, Erlösung ohne Loslassen. Der Körper selbst wird zum absoluten Wert – funktional betrachtet zu einer Art Gott.
Papst Leo XIV. markiert hier eine Grenze. Seine Kritik richtet sich nicht gegen Technik, sondern gegen ihre Verabsolutierung. Endlichkeit erscheint nicht als Defekt, sondern als Bedingung von Sinn. Nicht alles, was technisch möglich ist, führt zu einem reiferen Menschsein.
Die eigentliche Frage unserer Zeit
Der Konflikt zwischen „Don’t die“ und christlicher Theologie ist kein Kampf zwischen Moderne und Vormoderne. Er verweist auf eine tiefere Schieflage: Technologische Entwicklung schreitet schneller voran als die Entwicklung unseres Bewusstseins im Umgang mit Macht, Kontrolle und Endlichkeit.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Mensch eines Tages länger lebt oder gesünder altert. Sie lautet:
Was geschieht, wenn immer mächtigere Technologien auf ein Bewusstsein treffen, das Tod, Verlust und Nicht-Kontrolle nicht integriert hat?
Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, droht der Traum vom ewigen Leben zur Flucht vor jener existenziellen Tiefe zu werden, aus der Religion – und auch Philosophie – ursprünglich entstanden sind.
Vielleicht liegt hier die eigentliche Provokation dieses Streits: Nicht die Angst, zu früh zu sterben, sondern die Angst, sich dem Tod – und damit der eigenen Begrenztheit – wirklich zu stellen.
Schlussbemerkung des Autors
Dieser Beitrag versteht sich als Einladung zur Reflexion über das Verhältnis von Technologie, Bewusstsein und menschlicher Endlichkeit – jenseits einfacher Fortschritts- oder Verzichtsnarrative.
Diese Fragen haben mich weiter begleitet. In meinem Buch SEMIKOLON führe ich viele der hier angerissenen Gedanken vertieft fort – ebenso in Vorträgen und Gesprächen.
Quellen & Hinweise
Catholic New Services: Übertragung der Generaudienz vom 10.12.2025
Catholic News Agency: Pope Leo XIV criticizes transhumanism: ‘Death is not opposed to life. 10.12.2025
Christopher Hale: Tech Billionaire’s “Never Die” Religion Meets Pope Leo’s Rebuke , Bericht vom 11.12.2025


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